Eine Beschreibung von Christoph Kolde:

Die schwedische Westküste im Oktober paddeln? Wie wird das Wetter um diese Jahreszeit  dort sein? Was, wenn es kalt wird, vielleicht sogar schneit? Was, wenn Herbststürme aufkommen und wir für Tage auf einer Insel festsitzen? Bin ich ausreichend gerüstet für so was? Es wäre immerhin meine erste „richtige“ Salzwassertour…und dann gleich im Herbst im Norden … Außerdem: Der weite Weg wegen ein paar Tagen paddeln…

Doch dann werden aus den „paar Tagen“ schließlich zwei Wochen. Und: Ich kann mich auf die Erfahrung von Peter verlassen, der mich zu dieser Tour eingeladen hat.

Die vorsorglich bereitgelegte Winterausrüstung bleibt schließlich doch zuhause. Der Herbst zeigt sich ungewöhnlich warm, aber windig und nass: Schauer und Gewitter, aber auch sonnige Momente. So wechselt die Landschaft stetig zwischen typisch herbstlichen Stimmungen: mal düster grau, mal farbenfroh leuchtend. Dann, wenn wir wenigstens von oben trocken bleiben, pfeift der Wind, schlagen die Wellen über den Bug und spritzen uns salzig-nass.

Das Wetter wird rauer, die Inseln werden karger, je weiter wir uns von Festland entfernen. Geschützte, kleine Buchten auf den Inseln werden seltener. Die, die wir finden, bieten idyllische, einsame, aber oft windige Lagerplätze. Außer dem einen oder anderen Segler sind wir dort allein. Andere Paddler sehen wir keine. Die Zeit verliert ihren Takt und bewegt sich zwischen Sonnenauf- und -untergang, ein- und auspacken, paddeln, essen, sitzen, reden und träumen, schlafen und aufwachen…

Peter hat die Tagesetappen gut geplant und keine zu großen Strecken vorgesehen. So kommen wir nicht in Stress, können uns auf Gewitter, Gegenwind und andere Launen der Natur einstellen. Es bleibt Zeit, Robben zu beobachten, die uns neugierig, aber vorsichtig beäugen. Oder die Lachse und Seeforellen, die wir springen sehen. Wir genießen es, auf den glatt geschliffenen Felsplatten von Inseln zu rasten, die steif gewordenen Beine zu bewegen oder einen Regenbogen zu bewundern.

In der Mitte der zweiten Paddelwoche nehmen Regen und Wind zu. Wir können kaum mehr dagegen anpaddeln. Wenn wir den Windschatten von Klippen verlassen, spritzt die Gischt ins Gesicht, reißen Böen fast das Paddel aus der Hand. Das vor uns liegende Stück offene Steilküste ist für uns unpassierbar geworden. So tragen und rollern wir Boote und Gepäck etwa. 2 km über eine Halbinsel und versuchen dann geschützter im Windschatten von Inseln weiterzupaddeln. Trotzdem: Auch hier bläst der Wind, kalt und schneidend. Nur mit Mühe und im Schneckentempo erreichen wir anschließend unseren angepeilten Lagerplatz auf einer Insel - völlig ausgelaugt und etwas unterkühlt.

In der Nacht wird der Wind zum Sturm. Morgens sehe ich, dass die Sturmflut nachts gerade mal einen knappen Meter vor meinem Zelt halt gemacht hatte…puh, Glück gehabt.

Wir sitzen auf der Insel fest, teilen unsere Lebensmittel ein. In einer winzigen Bretterhütte, finden wir tagsüber Schutz - ein Segen. Es ist ein Müllbehälterhäuschen…so können sich die Ansprüche ändern… ;-)

Nach 2 Tagen sind alle Bücher ausgelesen, haben wir uns alle Geschichten unseres Lebens gegenseitig erzählt (na ja, fast alle ;-)), ist die Insel zig Mal erwandert worden, haben wir überreichlich ausgeschlafen, sind alle Lebensmittel aufgegessen. Ein paar Tage fasten wäre zwar kein Problem und Süßwasser ist auch überall in Regenpfützen zu finden, doch schließlich müssen wir sowieso irgendwann zurück, nach hause. Also packen wir zusammen, beladen die Boote und starten an der Leeseite der Insel in See. Kaum aus dem Windschatten der Insel heraus, empfängt uns eine unheimlich schnell laufende Dünung, schiebt uns der kräftige Wind vor sich her. Mit Respekt spüren wir die Gewalt von Wasser und Wind, ich komme mir recht klein dagegen vor. Die Paddel gut festhaltend, damit sie nicht wegfliegen, surfen wir vor den Wellen Richtung Festland, das zum Glück nicht weit ist. Schließlich laufen wir in eine geschützte Bucht ein, ein kleiner Hafen eines Fischerdorfes. Dort ziehen wir die Boote an Land, glücklich, heil angekommen zu sein, aber auch im Bewusstsein, dass es für dieses Mal die letzte Landung ist.

Dann ist jener Moment gekommen, an dem die Faltboote ihres Skelettes beraubt werden. Die Haut fällt schlaff zusammen, liegt so zum Trocknen auf der Wiese. Irgendwie hat ein Bootsabbau etwas…na ja…trauriges…

Ich fliege ja nicht gerne, aber nun sitze ich im Flieger und werfe einen letzen Blick von oben auf die Inseln entlang der Küste, die rasch kleiner werden. Aus der Vogelperspektive sehen die Wellen auf dem Meer da unten harmlos aus… Inseln und Schiffe werden kleiner und verschwinden später im Dunst und schließlich unter einer Wolkendecke. „Über den Wolken“, kommt mir dabei der alte Song aus den 70’ern in den Sinn, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“ Grenzenlose Freiheit? Hier? Ich sitze eingequetscht im engen Passagierraum und drücke mir die Nase an einer winzigen Luke platt… Nee, die Freiheit, die ist da unten. Das weite, beinahe grenzenlose Meer, die kahlen, unbewohnten Inseln…nur wir, unsere Boote, das Wasser, der Wind, die karge Inselwelt mit ihren idyllischen Lagerplätzen… Ich lehne mich zurück in meinem Sitz und träume davon, wie das Boot mit mir über die Wellen reitet, von Wind geschoben, entlang abgeschliffener, felsiger, nackter Inseln…schließlich mit leichten Knirschen auf den Strand einer einsamen Bucht läuft… Und wäre lieber dort.

 

 

Fakten: Unser Paddelrevier war die Gegend um die Insel Orust, ein Stück nördlich von Göteborg. Die Gegend ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Bahn und gegebenenfalls Bus oder Taxi)  zu erreichen. Die Landschaft ist felsig und karg, die äußeren Inseln sind völlig unbewaldet und bieten mit ihren rund geschliffenen Felsen eine eindrucksvolle Stimmung. Bei stärkerem Wind, vor allem aus West, kann sich an offenen Stellen eine beträchtliche Dünung entwickeln, die besonders vor exponierten Steilküsten für Paddler gefährlich werden kann. Jedoch sind an vielen Stellen verschiedene Routen möglich, so dass dort je nach Wetter in geschützteren oder offeneren Gewässern gepaddelt werden kann. Lebensmittel und Trinkwasser kann man problemlos alle paar Tage nachtanken.
Gezeiten sind zwar vorhanden, der Tidenhub ist aber recht gering, so dass nur an wenigen Stellen  spürbare Strömungen auftreten.

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